Mozart an seinen
Vater
zum Tod der Mutter am 3. Juli 1778
in Paris
Paris, 9. Juli 1778
Ich hoffe, Sie werden bereitet
sein, eine der traurigsten und schmerzhaftesten Nachrichten mit
Standhaftigkeit anzuhören; Sie werden durch mein Letztes
vom dritten in die Lage gesetzt worden sein, nichts Gutes hören
zu dürfen. Den nämlichen Tag, den dritten, ist meine
Mutter abends um zehn Uhr einundzwanzig Minuten in Gott selig
entschlafen; als ich schrieb, war sie schon im Genuss der himmlischen
Freuden, alles war schon vorbei. Ich schrieb Ihnen in der Nacht;
ich hoffe, Sie und meine liebe Schwester werden mir diesen kleinen
und sehr notwendigen Betrug verzeihen, denn nachdem ich nach meinen
Schmerzen und Traurigkeiten auf die Ihrige schloss, so konnte
ich es ohnmöglich übers Herz bringen, Sie sogleich mit
dieser schrecklichen Nachricht zu überraschen. Nun hoffe
ich aber, werden Sie sich beide gefasst gemacht haben, das Schlimmste
zu hören und nach allen natürlichen und nun gar zu billigen
Schmerzen und Weinen endlich sich in den Willen Gottes zu geben
und seine unerforschliche, unergründliche und allerweiseste
Vorsehung anzubeten. Sie werden sich leicht vorstellen können,
was ich ausgestanden, was ich für Mut und Standhaftigkeit
notwendig hatte um alles so nach und nach immer ärger, immer
schlimmer mit Gelassenheit zu übertragen; und doch, der gütige
Gott hat mir diese Gnade verliehen, ich habe Schmerzen genug empfunden,
habe genug geweint. Was nutzte es aber? Ich musste mich also trösten.
Machen Sie es auch so, mein lieber Vater und liebe Schwester!
Weinen Sie, weinen Sie sich recht aus, trösten Sie sich aber
endlich! Bedenken Sie, dass es der allmächtige Gott also
hat haben wollen und was wollen wir wider ihn machen? Wir wollen
lieber beten und ihm danken, dass es so gut abgelaufen ist; denn
sie ist sehr glücklich gestorben. In jenen betrübten
Umständen habe ich mich mit drei Sachen getröstet, nämlich
durch meine gänzliche, vertrauensvolle Ergebung in [den]
Willen Gottes, dann durch die Gegenwart ihres so leichten und
schönen Todes, indem ich mir vorstellte, wie sie nun in einem
Augenblick so glücklich wird, wie viel glücklicher dass
sie nun ist als wir, so dass ich mir gewunschen hätte, in
diesem Augenblick mit ihr zu reisen. Aus diesem Wunsch entwickelte
sich mein dritter Trost, nämlich, dass sie nicht auf ewig
für uns verloren ist, dass wir sie wiedersehen werden, vergnügter
und glücklicher beisammen sein werden als auf dieser Welt.
Nur die Zeit ist uns unbekannt, das macht aber gar nicht bang;
wann Gott will, dann will ich auch. Nun, der göttliche, allerheiligste
Willen ist vollbracht; beten wir also einen andächtigen Vaterunser
für ihre Seele und schreiten wir zu andern Sachen; es hat
alles seine Zeit. ...
Aus: Musik in der
Schule, Band 5, Möseler Verlag, S. 40 f.
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