Sie hören den Choral "Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig" (EG 528 / GL 657)

mors certa - hora incerta

Diese Feststellung stand kürzlich über einer Traueranzeige, der sich noch folgender Satz anschloss: "Heute entschlief nach einem Verkehrsunfall, viel zu früh für uns, unser geliebter Sohn."
Ja, das kann man bestätigen: Der Tod ist sicher - die (Todes-) Stunde unsicher. Und oft kommt er "plötzlich und unerwartet", wie man nicht selten lesen kann .

In solchen Situationen erfährt der Mensch, dass nicht er, sondern Gott der Allmächtige ist. Den Wissenschaftlern ist es gelungen, die Tiefen des Meeres, den Weltraum oder die Gene zu erforschen, aber das Geheimnis des Todes konnten sie bis jetzt nicht lüften. Durch die rekonstruktive Chirurgie lässt sich zwar das Leben des Menschen verlängern, sodass er irgendwann einmal so alt wie der durch die Bibel legendär gewordene Methusalem
(Genesis 5, 21) werden wird, aber am Ende ist der Mensch ein Ersatzteil-Lager, das in körperlicher Hinsicht nicht mehr dem jugendlichen Idealbild entspricht. [Momentan ( Ende 2004) beträgt in Deutschland die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern 75,6 Jahre, bei Frauen 81,3 Jahre.]
Thanatologen nehmen sich des Themas Tod zwar immer wieder an, jedoch auch sie können nur Nahtodeserfahrungen reanimierter Menschen darlegen. Was nun wirklich danach ist ("the day after") ist nicht dokumentierbar. Es bleibt ein Geheimis. Der gläubige Mensch vertraut auf Gott, auch wenn er ihn nicht sieht. Glauben lässt sich daher auch nicht erzwingen, er muss erwachsen. Gott hat dem Menschen die Freiheit gelassen, ob er sich nun dafür oder dagegen entscheidet. Wüssten die Menschen sicher, dass sie nach dem Tod ein Gericht über ihr irdisches Verhalten erwartet, würden natürlich alle versuchen, ihr irdisches Dasein vorbildlich zu gestalten, um posthume Strafen zu vermeiden. (Parallelbeispiel: Wenn bekannt ist, dass eine Radarkontrolle stattfindet, fahren alle Verkehrsteilnehmer langsamer.)
Nichts ist also sicherer als der Tod. So grausam es klingt: Das Leben beginnt mit dem freudigen Ereignis der Geburt und endet immer mit dem leidvollen Tod. Schon mit der Geburt fängt die Lebensuhr an abzulaufen und es kommt darauf an, wie weit sie aufgezogen ist - um das Bild fortzuführen. Für den vom Tod Betroffenen hilft selbst die zu Lebzeiten abgeschlossene "Lebens"versicherung nichts. Weil aber der Mensch um seine Vergänglichkeit weiß, versucht er in der kurzen Lebensspanne möglichst alles auszuschöpfen; denn er möchte auf der ihm sichtbaren Welt nichts verpassen, das Leben in vollen Zügen genießen. Er hastet voll Unruhe durch das Leben, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht, um es mit Hiob zu sagen. Er ist wie Gras, das früh blüht und bald welk wird und verdorrt
(90. Psalm).
 

 

Die zeitliche Begrenztheit schilderte ein Bestattungsunternehmer in einer Fernsehsendung einmal so: "Neulich hatte ich ein Metermaß in der Hand, auf dem die Zahlen bis 100 standen. Ich dachte sogleich an hundert Lebensjahre, die nur selten jemand erreicht. Ich bin 50. Da wurde mir anschaulich klar, dass ich bei einer Lebenserwartung von etwa 70 Jahren die Lebensmitte schon weit überschritten habe und dass gar nicht mehr viel Zeit bleibt."  Midlife Crisis! Torschlusspanik! Schnell noch ein paar Trends hinterherjagen, bevor die Stunde schlägt. Auf der Außenwand einer Trauerhalle sah ich neulich eine Sonnenuhr, in die der folgende Satz integriert ist: "Eine wird deine letzte sein." Dieser Satz erinnerte mich sofort an Ernest Hemingways Roman "Wem die Stunde schlägt". In "For Whom the Bell Tolls" lesen wir: "No man is an island...therefore never send to know for whom the bell tolls. It tolls for thee" (eine Anlehnung Hemingways an den engl. Dichter und Priester John Donne).
In früheren Jahrhunderten waren die Menschen sich des Todes stets bewusst, nicht nur auf dem Friedhof. "Memento mori"1) - "Denke daran, dass du stirbst!" Dieser Satz erinnerte die Menschen daran, dass sie ihr Leben so sinnerfüllt gestalten sollten, wie man es unmittelbar vor seinem Tod wahrscheinlich tun würde, wenn dies noch möglich wäre. Das bedeutete in vergangenen Jahrhunderten allerdings nicht, schnell noch einmal alles voll auszukosten. Nein, es war die entsprechende Lebensführung und die innere Vorbereitung auf das den Christen zugesicherte Leben danach, das wir auch unter der Bezeichnung "ewiges Leben" kennen. Man sprach sogar vom Tod als dem "Freund Hein". Von Johann Sebastian Bach ist überliefert, dass seine "behäbige" Lebensfreude wegen seines festen Glaubens an das Leben bei Gott immer auch von einer Todessehnsucht begleitet war. Das gibt er in Arien wie "Ach, schlage doch bald, sel'ge Stunde" oder "Komm, süßer Tod" seinem Hörer preis. In der heutigen Spaß- und Multimediagesellschaft wird der Tod verharmlost und verdrängt und eine Todessehnsucht kann man sich beim diesseits orientierten Menschen von heute mit dem besten Willen nicht vorstellen, zumindest so lange er gesund und fit ist. Alte, einsame Menschen, deren Freunde vielleicht schon weggestorben sind, sind natürlich schon manchmal lebenssatt. In unseren Tagen wird der Tod allenfalls noch in Filmen und Computerspielen thematisiert, allerdings nicht in religiöser Sicht. Für den Nichtgläubigen, sprich Atheisten, ist der Tod ein unausweichliches Ereignis, das einer Sackgasse gleicht, aus der es kein Zurück gibt. An ihm führt kein Weg vorbei, um einmal eine Redewendung aufzugreifen, die derzeit oft strapaziert wird, wenn es um die Darstellung der Wichtigkeit des Computers geht. Für einen überzeugten, ja radikalen Christen jedoch wie Dietrich Bonhoeffer war der Tod -wie an anderer Stelle erwähnt- erst der Anfang des Lebens. Für den Durchschnittsbürger und auch -christen eine völlig unbegreifliche Haltung.

"Sterben, das tun nur die anderen", denken viele irrtümlicherweise. Stillstand ist Rückschritt, sagt man. Demzufolge scheinen Fortschritt, Erfolg und Karriere das A und O zu sein. Und da bleibt eben keine Zeit für Besinnung und Nachdenklichkeit. In der Offenbarung des Johannes (21,6 und 22, 13) erfahren wir von Jesus selbst, was das A und O des Lebens ist: "Ich bin der Anfang (A = erster Buchstabe im griech. Alphabet) und das Ende (O = letzter Buchstabe), niemand kommt zum Vater denn durch mich."
[Siehe auch das Alpha/Omega - Zeichen unten auf der Seite mit den lesenswerten Texten!]
"Das Leben geht weiter", heißt der etwas billige Trost, den man oft zu hören bekommt, weil den Leuten nichts Besseres einfällt.
Bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es Trauer - Rituale (Totenwaschung, Aufbahrung im Haus, Totenwache
(heute nur noch gelegentlich bei V.I.P.s üblich), Aussegnung durch den Geistlichen, ehe der Tote aus seinem Haus getragen wurde; Trauerzug durch den ganzen Ort). Die Sterbeglocke läutet zwar auch heute noch zum Gebet für den Verstorbenen, aber sie wird im Lärm des Alltags überhört und wer betet dabei noch? Heute soll möglichst keiner etwas von diesem Thema mitbekommen. Gestorben wird abgeschottet, weil der Tod nicht mehr ins gesellschaftliche Klischee passt. Kinder lässt man -wenn es vermeidbar ist- gar nichts von der Härte des Todes spüren. Sie werden verschont, obwohl auch sie -gewollt oder ungewollt- jederzeit mit eigenem oder fremdem Tod konfrontiert werden können. Und nach dem Tod eines Menschen wollen viele den ganzen "Rummel" schnell hinter sich bringen und wieder zum Alltag zurückkehren um sich abzulenken statt den Verlust aufzuarbeiten und der Verstorbene ist in zahlreichen Fällen -auch wenn er sich zu Lebzeiten für unübertroffen und unersetzlich hielt oder dafür gehalten wurde- schon nach kürzester Zeit vergessen, selbst wenn es bei den Trauerreden hieß: "Wir werden dich nie vergessen." Spätestens beim Kaffeetrinken im Anschluss an die Trauerfeier ergeben sich andere, für die noch Lebenden wichtigere Gesprächsthemen.  Ja bereits auf dem Friedhof ist der Tote in Wirklichkeit schon vergessen. Wenn die Trauerfeier in der Halle beendet ist, dauert es eine Weile, bis die Blumen beiseite geräumt sind und der Gang zum Grab beginnen kann. Eine gute Gelegenheit für jene, die draußen vor der Halle stehen, sich schon mal zu unterhalten und beim Gang zum Grab sieht man bisweilen plaudernde, auch lachende Menschen in der Menge. Erst wenn der Sarg an ihnen vorbeigefahren wird, verstummen sie für einen Moment. Ein Friedhof im heitersten Geplauder. Wie ein Marktplatz. Der Verstorbene schon vergessen. Der Tod verdrängt. Das Gefühl für die Würde einer solchen Situation weicht zunehmend dem Unterhaltungsbedürfnis. Wie pietätlos!  (> Psalm 103, 15+16: "Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Feld. Wenn der Wind darüber geht, so ist sie nicht mehr da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr."
Noch etwas ist zu vermerken: Bis vor wenigen Jahrzehnten trugen Trauernde während eines ganzen Jahres, des Trauerjahres, schwarze Kleidung, um ihr Leid auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen und Trost durch Mitmenschen zu erfahren. Diese Sitte gibt es inzwischen nicht mehr. Heute ist eher das Gegenteil der Fall. Bei Traueranzeigen kann man lesen: "Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir höflich Abstand zu nehmen." Oder: "Die Trauerfeier fand im engsten Familienkreis statt." In orientalischen Ländern ist es selbst in unserer Zeit noch üblich Tote zu beklagen (> Klageweiber). An der Klagemauer von Jerusalem treffen sich Trauernde in der Hoffnung, mit ihrem Schmerz nicht allein zu sein. Und Bachs Matthäuspassion beginnt schließlich mit den Worten "Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!"

Ein biblischer Trost bleibt uns jedoch laut Gottes Zusage: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein."

Wenn wir noch einmal an die Überschrift dieser Besinnung zurückdenken, dann fällt uns ein, dass uns Jesus in der Bergpredigt ermahnte: "Darum seid wachsam; denn ihr wisst weder Tag noch Stunde,...!"

wj

1) Wenn früher in Rom siegreiche Feldherren einzogen, stand hinter ihnen ein Diener, der ihnen mitten im Jubel und Taumel des Triumphs zuflüstern musste: "Memento mori". Es war eine Mahnung, die verhindern sollte, dass man sich für Gott hielt.

EG 528 / GL 657

Dieses Lied zeigt mehr als deutlich, wie unwichtig die Dinge sind, die wir normalerweise für wichtig halten.*

1) Ach wie flüchtig, ach wie nichtig 
ist der Menschen Leben!
Wie ein Nebel bald entstehet
und auch wieder bald vergehet,
so ist unser Leben, sehet!
2) Ach wie nichtig, ach wie flüchtig,
sind der Menschen Tage!
Wie ein Strom beginnt zu rinnen
und mit Laufen nicht hält innen,
so fährt unsre Zeit von hinnen.
3) Ach wie flüchtig, ach wie nichtig,
ist der Menschen Freude!
Wie sich wechseln Stund und Zeiten,
Licht und Dunkel, Fried und Streiten,
so sind unsre Fröhlichkeiten.
4) Ach wie nichtig, ach wie flüchtig,
ist der Menschen Schönheit!
Wie ein Blümlein bald vergehet,
wenn ein raues Lüftlein wehet,
so ist unsre Schönheit, sehet!
5) Ach wie flüchtig, ach wie nichtig,
ist der Menschen Glücke!
Wie sich eine Kugel drehet,
die bald da, bald dorten stehet,
so ist unser Glücke, sehet!
6) Ach wie nichtig, ach wie flüchtig,
sind der Menschen Schätze!
Es kann Glut und Flut entstehen,
dadurch, eh wir uns versehen,
alles muss zu Trümmern gehen.
7) Ach wie flüchtig, ach wie nichtig,
ist der Menschen Prangen!
Der in Purpur hoch vermessen
ist als wie ein Gott gesessen,*
dessen wird im Tod vergessen.
8) Ach wie nichtig, ach wie flüchtig
sind der Menschen Sachen!
Alles, alles, was wir sehen,
das muss fallen und vergehen.
Wer Gott fürcht', wird ewig stehen.

* Das Lied wurde 1652 von Michael Franck (1609 - 1667) geschrieben. In dieser Zeit gab es noch reiche und mächtige Könige, die in Purpur gekleidet waren. Den Königen von damals entsprechen heute vielleicht am ehesten Spitzenpolitiker und Konzernchefs, aber auch reiche, umjubelte Sportler oder Popsänger.

Paulus weiß sein Leben und seinen Tod in Gottes Händen, wenn er sagt:

Leben wir, so leben wir dem Herrn, 
sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn.
 


 "...Bei Katastrophen bekommen die Opfer "psychologische Hilfen", wie es schon routinemäßig in den Nachrichten heißt. ... die Möglichkeiten der Psychologie sind weit begrenzter als die Hoffnungen, die auf sie gerichtet werden. In der verdienstvollen Hospizbewegung standen zwischenzeitlich so genannte Sterbeseminare hoch im Kurs. Solche Veranstaltungen haben durchaus ihren Sinn. Sie bieten Helfern in Hospizen und in Hausbetreuungsdiensten Beistand. Aber wer da psychologische Methoden erlernen will, um mit Sterbenden möglichst effektiv umzugehen, der geht in die Irre. Stellen Sie sich vor, lieber Leser, Sie würden im Sterben von jemandem begleitet, bei dem Sie bemerkten, dass er im Gespräch mit Ihnen eine gewisse Methode anwendet. Ich nehme an, dass das nicht die Weise ist, wie Sie in dieser ernsten Situation einem Menschen begegnen wollen. Sie werden sich dafür interessieren, was dieser Mensch wirklich denkt und nicht, was er denkt, dass er jetzt sagen muss oder nicht sagen darf. Der Gründer der deutschen Hospizbewegung, Dr. Paul Türks, antwortete auf die Frage eines Journalisten, ob die freiwilligen Helfer in seinem Hospiz eine Ausbildung bekämen, es gäbe da ganz gute Sterbeseminare, aber wenn jemand nach einem solchen Seminar ganz genau zu wissen meine, wie man stirbt, 'den können wir nicht brauchen'. In den wichtigen Momenten des Lebens ist Psychologie nutzlos oder sogar schädlich."

Quelle:  "LebensLust", Manfred Lütz, Pattloch Verlag, München, 2002
 
 


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