Marc-Antoine
Charpentier - ein vergessener Musiker
und
Wie ein Komponist durch die Eurovision
wiederentdeckt wurde
Eurovisionslogo*
der frühen Jahre
Im
Zentrum des Logos stand der Name des jeweiligen Fernsehsenders:
ARD
ZDF
ORF
SRG
RTF
RAI
BBC
Beim
Abspielen des ersten A -Teils von Charpentiers Prélude
erschien der deutsche Fernsehsender (ARD bzw. ZDF), beim zweiten
A - Teil die Abkürzung des die Sendung live übertragenden
Lands. Am Ende der Sendung verlief das Procedere genau umgekehrt,
also erst das übertragende Land, dann die deutsche Sendeanstalt.
Wurde eine Eurovisionssendung von Deutschland aus in andere
europäische Länder ausgestrahlt, dann war das Kürzel
des Senders zu Beginn und am Ende der Live - Übertragung
bei beiden A - Teilen zu sehen.
*
* * * *
Seit seinem Tod im
Jahr 1704 waren Charpentier und seine Kompositionen selbst
in Frankreich, wo er lebte, völlig in Vergessenheit geraten.
Niemand nahm mehr Notiz von dem 28 Bände umfassenden
handgeschriebenen Notenmaterial, das aus seiner Feder stammt
und zunächst in der Königlichen Bibliothek und später
in der Bibliothèque Nationale aufbewahrt wurde bzw.
wird, bis in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts das Fernsehen
die Welt eroberte. Denn schon bald nach der Gründung
der ersten Fernsehsender ging man daran, wichtige Ereignisse
direkt (live) zu übertragen, zunächst nur innerhalb
des eigenen Landes. Aber dann kam schließlich die Idee
auf, Sendungen, die auch für andere Europäer interessant
sein könnten, zur gleichen Uhrzeit in einigen europäischen
Nachbarländern zu bringen. Dieser Gedanke war der Geburtstag
der "Eurovision"
(dt.: in Europa sehen). Die damaligen Ostblockstaaten, also
auch die DDR, schlossen sich zur "Intervision"
zusammen.
1953 war zwar schon die Krönung
der Königin Elisabeth von England direkt übertragen
worden, aber noch gab es kein Logo und keine Erkennungsmelodie.
Die brauchte man, um den Zuschauern
optisch und akustisch zu verstehen zu geben, dass die folgende
Sendung auch in anderen europäischen Nachbarländern
zeitgleich ausgestrahlt wurde. Die wenigen Fernsehzuschauer,
die es zu dieser Zeit gab, staunten über dieses technische
Wunder ähnlich wie die Menschen bei der Einführung
des Internets und dessen Kommunikationsmöglichkeiten.
Die der Eurovision angeschlossenen
Fernsehanstalten schrieben einen Wettbewerb aus, um eine geeignete
Melodie zu finden. Bei diesem "Contest" wählte die Jury
aus den von den verschiedenen europäischen Ländern
eingereichten Musikvorschlägen Charpentiers Tedeum D-Dur
aus, genauer gesagt: den A - Teil des als Rondo angelegten
Prélude. Diese festliche Musik eröffnete und beschloss
seit 1954 alle Eurovisionssendungen, die damals noch sehr
selten waren.
Die erste offizielle Eurovisionssendung
war die Live - Sendung des Narzissenfests von Montreux am
6. Juni 1954 und zehn Tage später, am 16. Juni, begann
die erste Live - Übertragung einer Fußball - Weltmeisterschaft.
Fußball - Fans erinnern sich noch heute an die Übertragung
des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft aus Bern
in der Schweiz. Als nächstes Großereignis sahen
die europäischen Zuschauer 1956 die Olympischen Winterspiele
aus Cortina d' Ampezzo live. Schließlich wurde der "Grand
Prix d' Eurovision de la Chanson" ins Leben gerufen, der bis
heute alljährlich als "Eurovision Song Contest"
im Frühjahr stattfindet. Erstmals wurde er im Jahr 1956
in Lugano (Schweiz) ausgetragen, bei dem die Schweiz mit Lys
Assia und dem Titel "Refrain" siegte. Eine beliebte,
niveauvolle Quiz - Sendung im Rahmen der Eurovision
war Hans-Joachim Kulenkampffs "Einer wird gewinnen" (Die Abkürzung
"EWG" stellte eine verbale Assoziation zur damaligen "Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft", der späteren
"EG" und heutigen "EU", dar!), eine Sendung, an der Kandidaten
aus acht europäischen Ländern teilnahmen. Auch der
Segen des Papstes "urbi et orbi" oder das Neujahrskonzert
der Wiener Philharmoniker wurden und werden bis heute für
mehrere europäische Länder zur gleichen Zeit
ausgestrahlt. Die Charpentiers geistlicher Komposition entnommene
Eröffnungsfanfare, die im Jahr 2004 ihren 50. Geburtstag
feierte, ist inzwischen nur noch vor und nach der Sendung
"Wetten, dass..." im ZDF zu hören. Die anderen Fernsehsender
verzichten im Zeitalter der Schnelllebigkeit auf die Erkennungsmelodie.
Durch die Verwendung seiner Melodie
kam M. A. Charpentier posthum noch einmal phönixhaft
zu Ehren, vermisste er doch zu seiner Lebzeit sehr die ihm
gebührende Anerkennung. Darüber später.
Biographisches
Über Charpentier
weiß man so gut wie nichts, weil es nur ganz wenige
Dokumente gibt. Nicht einmal das Geburtsjahr kennt man. Nach
seiner Wiederentdeckung hieß es zunächst für
längere Zeit, er sei 1634 (teilweise auch 1636 genannt)
geboren. Nach neueren Forschungsergebnissen wird als Geburtsjahr
das Jahr 1643 bzw. "um 1645" angegeben. Was feststeht, ist
nur, dass er in der Diözese Paris das Licht der Welt
erblickte.
Wer war nun dieser Mann - soweit
man dies überhaupt rekonstruieren kann?-
Was man im Laufe der Zeit herausgefunden
hat, ist die Tatsache, dass M. A. Charpentier, dessen Vater
Louis Ch. war, aus einer Familie stammte, die schon viele
Musiker, aber auch Maler hervorgebracht hatte. Als junger
Mann ging Marc - Antoine um das Jahr 1662 nach Italien, um
seine Malkünste zu vervollkommnen, wurde dort jedoch
von der musikalischen Pracht des italienischen Komponisten
Giacomo Carissimi so ergriffen, dass er den Pinsel zur Seite
legte und bei ihm Musik studierte. Hier erlernte er die Kontrapunkt
- Technik und die von Carissimi geschaffene Kunst "Historiae
sacrae" zu komponieren.
Nach etwa drei Jahren eifrigen
Studiums kehrt er nach Paris zurück. Bei Marie de Lorraine,
der Prinzessin von Guise (= Cousine
König Ludwig des XIV.) und Beschützerin des Klosters
Port Royal (1)
/ (2) findet er offene
Ohren. Er fängt an zu komponieren und nimmt selbst an
den Aufführungen teil und singt die Kontratenor - Partien.
1672 wählte ihn der bekannte französische Dichter
Molière zu seinem Komponisten, nachdem er sich
zuvor mit dem königlich bevorzugten musikalischen Alleinherrscher
Jean Baptiste Lully, der Hofkomponist
Ludwig des XIV. in Versailles war, zerstritten hatte.
Charpentier vertonte beispielsweise Molières "Le Malade
Imaginaire". Auch nach Molières Tod (1673) ist Charpentier
weiterhin für die "Comédie Francaise" tätig.
Diese Tätigkeit führte zu einer stark ausgeprägten
Antipathie Lullys gegenüber Charpentier, die mit
zahlreichen Intrigen verbunden gewesen sein soll. Man vermutet,
dass Lully auch verhindert hat, dass Charpentier zeitlebens
keine Stelle am Hof des Sonnenkönigs erhielt, obwohl
er ab 1679 über Jahre hinweg für den Dauphin, den
Sohn Ludwigs des XIV., Musik schrieb. An einem Wettbewerb
für die Stelle als Vizekapellmeister an der "Chapelle
Royale" konnte er wegen Krankheit nicht teilnehmen. Ab 1684
war Charpentier Musikdirektor der Jesuiten an der Kirche St.
Louis und Musiklehrer am "Collège Louis le Grand".
1692 wurde der Herzog von Orléans sein Schüler.
Seine letzte Stelle trat er im Jahr 1698 an, als er nach dem
Tod seines Vorgängers Chaperon den Posten des "maitre
de musique des enfants" an der Sainte Chapelle von Paris annahm.
Hier im Halbdunkel der prächtigen, Ludwig dem Heiligen
geweihten gotischen Kirche führte er bis zu seinem Tod
am 24. Februar 1704 seine Gott verherrlichenden Werke
mit einer kleinen Schar von Musikern auf.
Charpentiers Kompositionen wären
verloren gegangen, wenn sein Neffe nicht die Manuskripte an
die Königliche Bibliothek verkauft hätte, wo sie
die Jahrhunderte überstanden, bis sie durch die Gründung
der Eurovision im Jahr 1954 zu neuem Leben erweckt wurden.
Charpentiers sakrale Musik hat oft einen mystischen Klang,
der so ganz der Atmosphäre der goldgeschmückten
Sainte Chapelle entspricht, wo er in der Stille seiner Zelle
die letzten Kompositionen schrieb.
[Der Charpentier zur Seite stehende
Organist Marin de la Guerre hat übrigens auch 1698 dort
seinen Dienst angetreten und starb im gleichen Jahr wie Charpentier.]
Neben Opern schrieb Charpentier
hauptsächlich kirchliche Musik: Messen,
Tedeums, Magnificats, Oratorien, Motetten in lateinischer
Sprache.
Eines seiner stärksten Werke
ist zweifelsohne das Tedeum D-Dur, bei dem die barocke Prachtentfaltung
voll zum Ausdruck kommt. Musica triumphans!
Die meisten seiner Kompositionen
sind für Streicher und Holzbläser konzipiert; nur
bei wenigen Werken kommt die Trompete als Blechblasinstrument
zum Einsatz.
Wie am Anfang erwähnt, gibt
es aus dem persönlichen Leben Charpentiers kaum etwas
zu berichten. Einzig eine etwas ungewöhnliche, ganz aus
dem Rahmen fallende Komposition ist eine Kantate, die den
Titel "Epitaphium Carpentarii"
trägt. Sie hat einen stark autobiographischen Charakter,
d. h. in ihr verrät Charpentier etwas über sein
Inneres. Ins Deutsche übersetzt schreibt er da von sich
selbst:
"Ich war
Musiker, von den guten Musikern wurde ich als gut bezeichnet,
von den unwissenden als unwissend. Und meine Verächter
waren weitaus größer als die, die mich lobten,..."
An diesen Worten spürt man, wie verbittert er
darüber ist, dass ihm nicht die gebührende Anerkennung
entgegengebracht wurde.
Charpentiers gesamtes Schaffen
umfasst ca. 550 Werke, von denen in unserer Zeit die bedeutendsten
auf CDs eingespielt wurden.