Marc-Antoine Charpentier

UN MUSICIEN FRANÇAIS OUBLIÉ
(Claude Crussard)

 

Marc-Antoine Charpentier
1643 (?) - 1704

Tedeum

(Original-Handschrift)

Musiker an der

Sainte Chapelle, Paris

 

 

Marc-Antoine Charpentier - ein vergessener Musiker
und

Wie ein Komponist durch die Eurovision wiederentdeckt wurde

 

Eurovisionslogo*
der frühen Jahre

Im Zentrum des Logos stand der Name des jeweiligen Fernsehsenders:
ARD
ZDF
ORF
SRG
RTF
RAI
BBC

 

Beim Abspielen des ersten A -Teils von Charpentiers Prélude erschien der deutsche Fernsehsender (ARD bzw. ZDF), beim zweiten A - Teil die Abkürzung des die Sendung live übertragenden Lands. Am Ende der Sendung verlief das Procedere genau umgekehrt, also erst das übertragende Land, dann die deutsche Sendeanstalt. Wurde eine Eurovisionssendung von Deutschland aus in andere europäische Länder ausgestrahlt, dann war das Kürzel des Senders zu Beginn und am Ende der Live - Übertragung bei beiden A - Teilen zu sehen.

* * * * *

Seit seinem Tod im Jahr 1704 waren Charpentier und seine Kompositionen selbst in Frankreich, wo er lebte, völlig in Vergessenheit geraten. Niemand nahm mehr Notiz von dem 28 Bände umfassenden handgeschriebenen Notenmaterial, das aus seiner Feder stammt und zunächst in der Königlichen Bibliothek und später in der Bibliothèque Nationale aufbewahrt wurde bzw. wird, bis in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts das Fernsehen die Welt eroberte. Denn schon bald nach der Gründung der ersten Fernsehsender ging man daran, wichtige Ereignisse direkt (live) zu übertragen, zunächst nur innerhalb des eigenen Landes. Aber dann kam schließlich die Idee auf, Sendungen, die auch für andere Europäer interessant sein könnten, zur gleichen Uhrzeit in einigen europäischen Nachbarländern zu bringen. Dieser Gedanke war der Geburtstag der "Eurovision" (dt.: in Europa sehen). Die damaligen Ostblockstaaten, also auch die DDR, schlossen sich zur "Intervision" zusammen.
1953 war zwar schon die Krönung der Königin Elisabeth von England direkt übertragen worden, aber noch gab es kein Logo und keine Erkennungsmelodie. 
Die brauchte man, um den Zuschauern optisch und akustisch zu verstehen zu geben, dass die folgende Sendung auch in anderen europäischen Nachbarländern zeitgleich ausgestrahlt wurde. Die wenigen Fernsehzuschauer, die es zu dieser Zeit gab, staunten über dieses technische Wunder ähnlich wie die Menschen bei der Einführung des Internets und dessen Kommunikationsmöglichkeiten. 
Die der Eurovision angeschlossenen Fernsehanstalten schrieben einen Wettbewerb aus, um eine geeignete Melodie zu finden. Bei diesem "Contest" wählte die Jury aus den von den verschiedenen europäischen Ländern eingereichten Musikvorschlägen Charpentiers Tedeum D-Dur aus, genauer gesagt: den A - Teil des als Rondo angelegten Prélude. Diese festliche Musik eröffnete und beschloss seit 1954 alle Eurovisionssendungen, die damals noch sehr selten waren. 
Die erste offizielle Eurovisionssendung war die Live - Sendung des Narzissenfests von Montreux am 6. Juni 1954 und zehn Tage später, am 16. Juni, begann die erste Live - Übertragung einer Fußball - Weltmeisterschaft. Fußball - Fans erinnern sich noch heute an die Übertragung des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft aus Bern in der Schweiz. Als nächstes Großereignis sahen die europäischen Zuschauer 1956 die Olympischen Winterspiele aus Cortina d' Ampezzo live. Schließlich wurde der "Grand Prix d' Eurovision de la Chanson" ins Leben gerufen, der bis heute alljährlich als "Eurovision Song Contest" im Frühjahr stattfindet. Erstmals wurde er im Jahr 1956 in Lugano (Schweiz) ausgetragen, bei dem die Schweiz mit Lys Assia und dem Titel "Refrain" siegte. Eine beliebte, niveauvolle Quiz - Sendung  im Rahmen der Eurovision war Hans-Joachim Kulenkampffs "Einer wird gewinnen" (Die Abkürzung "EWG" stellte eine verbale Assoziation zur damaligen "Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft", der späteren "EG" und heutigen "EU", dar!), eine Sendung, an der Kandidaten aus acht europäischen Ländern teilnahmen. Auch der Segen des Papstes "urbi et orbi" oder das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wurden und werden bis heute für mehrere  europäische Länder zur gleichen Zeit ausgestrahlt. Die Charpentiers geistlicher Komposition entnommene Eröffnungsfanfare, die im Jahr 2004 ihren 50. Geburtstag feierte, ist inzwischen nur noch vor und nach der Sendung "Wetten, dass..." im ZDF zu hören. Die anderen Fernsehsender verzichten im Zeitalter der Schnelllebigkeit auf die Erkennungsmelodie.
Durch die Verwendung seiner Melodie kam M. A. Charpentier posthum noch einmal phönixhaft zu Ehren, vermisste er doch zu seiner Lebzeit sehr die ihm gebührende Anerkennung. Darüber später.
Biographisches Über Charpentier weiß man so gut wie nichts, weil es nur ganz wenige Dokumente gibt. Nicht einmal das Geburtsjahr kennt man. Nach seiner Wiederentdeckung hieß es zunächst für längere Zeit, er sei 1634 (teilweise auch 1636 genannt) geboren. Nach neueren Forschungsergebnissen wird als Geburtsjahr das Jahr 1643 bzw. "um 1645" angegeben. Was feststeht, ist nur, dass er in der Diözese Paris das Licht der Welt erblickte.
Wer war nun dieser Mann - soweit man dies überhaupt rekonstruieren kann?-
Was man im Laufe der Zeit herausgefunden hat, ist die Tatsache, dass M. A. Charpentier, dessen Vater Louis Ch. war, aus einer Familie stammte, die schon viele Musiker, aber auch Maler hervorgebracht hatte. Als junger Mann ging Marc - Antoine um das Jahr 1662 nach Italien, um seine Malkünste zu vervollkommnen, wurde dort jedoch von der musikalischen Pracht des italienischen Komponisten Giacomo Carissimi so ergriffen, dass er den Pinsel zur Seite legte und bei ihm Musik studierte. Hier erlernte er die Kontrapunkt - Technik und die von Carissimi geschaffene Kunst "Historiae sacrae" zu komponieren.
Nach etwa drei Jahren eifrigen Studiums kehrt er nach Paris zurück. Bei Marie de Lorraine, der Prinzessin von Guise (= Cousine König Ludwig des XIV.) und Beschützerin des Klosters Port Royal (1) / (2) findet er offene Ohren. Er fängt an zu komponieren und nimmt selbst an den Aufführungen teil und singt die Kontratenor - Partien. 1672 wählte ihn der bekannte französische Dichter Molière zu seinem Komponisten, nachdem er sich zuvor mit dem königlich bevorzugten musikalischen Alleinherrscher Jean Baptiste Lully, der Hofkomponist Ludwig des XIV. in Versailles war, zerstritten hatte. Charpentier vertonte beispielsweise Molières "Le Malade Imaginaire". Auch nach Molières Tod (1673) ist Charpentier weiterhin für die "Comédie Francaise" tätig. Diese Tätigkeit führte zu einer stark ausgeprägten Antipathie Lullys gegenüber Charpentier, die mit zahlreichen Intrigen verbunden gewesen sein soll. Man vermutet, dass Lully auch verhindert hat, dass Charpentier zeitlebens keine Stelle am Hof des Sonnenkönigs erhielt, obwohl er ab 1679 über Jahre hinweg für den Dauphin, den Sohn Ludwigs des XIV., Musik schrieb. An einem Wettbewerb für die Stelle als Vizekapellmeister an der "Chapelle Royale" konnte er wegen Krankheit nicht teilnehmen. Ab 1684 war Charpentier Musikdirektor der Jesuiten an der Kirche St. Louis und Musiklehrer am "Collège Louis le Grand". 1692 wurde der Herzog von Orléans sein Schüler. Seine letzte Stelle trat er im Jahr 1698 an, als er nach dem Tod seines Vorgängers Chaperon den Posten des "maitre de musique des enfants" an der Sainte Chapelle von Paris annahm. Hier im Halbdunkel der prächtigen, Ludwig dem Heiligen geweihten gotischen Kirche führte er bis zu seinem Tod am 24. Februar 1704 seine Gott verherrlichenden Werke mit einer kleinen Schar von Musikern auf. 
Charpentiers Kompositionen wären verloren gegangen, wenn sein Neffe nicht die Manuskripte an die Königliche Bibliothek verkauft hätte, wo sie die Jahrhunderte überstanden, bis sie durch die Gründung der Eurovision im Jahr 1954 zu neuem Leben erweckt wurden. Charpentiers sakrale Musik hat oft einen mystischen Klang, der so ganz der Atmosphäre der goldgeschmückten Sainte Chapelle entspricht, wo er in der Stille seiner Zelle die letzten Kompositionen schrieb. 
[Der Charpentier zur Seite stehende Organist Marin de la Guerre hat übrigens auch 1698 dort seinen Dienst angetreten und starb im gleichen Jahr wie Charpentier.] Neben Opern schrieb Charpentier hauptsächlich kirchliche Musik: Messen, Tedeums, Magnificats, Oratorien, Motetten in lateinischer Sprache.
Eines seiner stärksten Werke ist zweifelsohne das Tedeum D-Dur, bei dem die barocke Prachtentfaltung voll zum Ausdruck kommt. Musica triumphans!
Die meisten seiner Kompositionen sind für Streicher und Holzbläser konzipiert; nur bei wenigen Werken kommt die Trompete als Blechblasinstrument zum Einsatz. 
Wie am Anfang erwähnt, gibt es aus dem persönlichen Leben Charpentiers kaum etwas zu berichten. Einzig eine etwas ungewöhnliche, ganz aus dem Rahmen fallende Komposition ist eine Kantate, die den Titel "Epitaphium Carpentarii" trägt. Sie hat einen stark autobiographischen Charakter, d. h. in ihr verrät Charpentier etwas über sein Inneres. Ins Deutsche übersetzt schreibt er da von sich selbst: 
"Ich war Musiker, von den guten Musikern wurde ich als gut bezeichnet, von den unwissenden als unwissend. Und meine Verächter waren weitaus größer als die, die mich lobten,..." An diesen Worten spürt man, wie verbittert er darüber ist, dass ihm nicht die gebührende Anerkennung entgegengebracht wurde.
Charpentiers gesamtes Schaffen umfasst ca. 550 Werke, von denen in unserer Zeit die bedeutendsten auf CDs eingespielt wurden.

 Auf dich, Herr, hoffen wir .

Tu, Seigneur, es notre espérance .

You, Lord, are our hope.

 

Obere Kapelle, Altarraum
Untere Kapelle

 

Copyright - Hinweise
Das autographische Wort "Tedeum" wurde freundlicherweise von www.universaledition.com, Wien zur Verfügung gestellt.

Außenansicht der Sainte Chapelle: Christus Rex, Inc., Michael Olteanu http://www.christusrex.org/

Obere Kapelle, Altarraum: J. Michael Griggs, Harvard University

Untere Kapelle: Fotograf Jacques Mossot / structurae

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© Pour le logo d' EUROVISION merci à l' EBU !

 

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Copyright © Wolfgang Jakupka