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Predigttext
zu Offenbarung 3, 14 - 22 (etwas gekürzt)
(Von der reichen Gemeinde in Laodicea,
die nicht kalt war, nicht warm, sondern lau)
Liebe Gemeinde - zuerst:
Ich muss gestehen, als ich in meinem Pfarrerkalender diesen Text
als von den Kirchenoberen zur Predigt für den heutigen Bußtag
empfohlen las, bin ich erschrocken und habe eine Weile versucht
ihm auszuweichen. Dieser Text in Bonn* zum Bußtag, von mir
gepredigt - welch eine Kette von Missverständnissen kann
das geben! Aber dann habe ich mich diesem strengen Brief des Verfassers
der Offenbarung Johannes nach Laodicea doch gestellt.
... In einem Kommentar zu unserem
Text finde ich die Sätze: "Die Stadt war so bedeutend und
rege, dass die Bürger schwerreich und imstande waren, sie
nach einer furchtbaren Erdbeben-Katastrophe um 60/61 nach Christus
aus eigener Kraft sogleich wieder aufzubauen. Von
solchem Geist des >Wirtschaftswunders< sieht Johannes die christliche
Gemeinde dort angesteckt." Soweit das Zitat von Ulrich
Wilkens, wahrlich kein Schwärmer.
Laodicea und Bonn. Die christliche
Gemeinde hier und dort.
Nun: Der Buß- und Bettag
ist ja in seiner Entstehungsgeschichte kein kirchlicher Feiertag.
Der preußische König Friedrich Wilhelm III. hat
ihn 1816 für die preußischen Lande angeordnet,
vielleicht sogar nach einem besonderen Blick auf die neu von Preußen
okkupierten Gebiete, das widerspenstige Rheinland etwa, eher gen
Westen denn nach dem fernen Berlin orientiert. ... Aber stellt
euch bitte vor, eine Bundesregierung gäbe uns einen neuen
gesetzlichen Feiertag zum Nachdenken. Fast unvorstellbar nach
den Erfahrungen mit dem 17. Juni.
Aber genug der Geschichte! Der Brief
nach Laodicea ist ja nicht an die römische oder lokale Obrigkeit
in dieser Stadt gerichtet. ... Johannes schreibt an die christliche
Gemeinde, sechzig Jahre nach Jesu Tod. Es ist ein drastischer
Brief. "Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm
bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest. Weil du aber
lau bist, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."
Deutlicher geht es nicht. Stellt
euch vor, ein Pastor sagte dies als seine eigenen Worte, ein Präses
in einem Wort an die rheinischen Gemeinden, die Synodalen auf
unseren eher betulichen Synoden. Das wäre protestantischer
Rigorismus, anmaßend und fanatisch. ... Aber Johannes sagt
es. Er sagt es in der sicheren Erwartung des kommenden Gerichtes
und des Endes der Tage und damit des wiederkommenden Christus.
...
Was heißt da kalt oder warm?
Es kann doch nur heißen, dass Menschen, die von diesem
Jesus gehört haben, von seinem Leben und seinem schrecklichen
Tod wissen und an seine Auferstehung glauben und denen gesagt
wird, dass er wiederkomme, anders als andere leben sollen -eben
die Lauen, die Angepassten, die Mitläufer,
die Ja-und-Amen-Sager, die Opportunisten aller Ränge und
Farben, die Leute, die immer bei den stärkeren Bataillonen
sind, also letztlich die Ängstlichen und Furchtsamen, denen
nichts so wichtig ist wie ihre eigene Karriere, ihr Aus- und Einkommen,
ihr Vergnügen.Aber auch
die so genannten Linken, die sich so viel auf ihre besseren Einsichten
einbilden. Kalt oder warm, das heißt ja oder nein sagen
können, nicht immer nur "jein" oder sowohl als auch oder
vermutlich oder wahrscheinlich oder einfach nur "weiter so", ja
keineswegs nur die Parole einer Partei. Das
Mitlaufen wird offensichtlich besonders gefährlich in einer
reichen Umgebung wie der Erfolg, wie unser Wiederaufbau, wie der
Stolz auf die eigene Leistung, wie unser voller Bauch:
"Du sagst, ich bin reich und habe alles im Überfluss und
brauche nichts und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich
bist, arm, blind und bloß."
Oh, liebe Freunde
das auch nur vorzulesen als ein Pastor mit Bürgermeisterpension
in dieser Stadt Bonn - Bad Godesberg, wo der Mensch eigentlich
erst im höheren Dienst anfängt und ab einer bestimmten
Autoklasse ernst genommen wird. In einem der reichsten Länder
der Welt. Nach einer Katastrophe (wie in Laodicea) wieder aufgebaut.
Eine Festung überzeugter und überzeugender Sicherheit.
"Elend und jämmerlich, arm, blind und bloß." Man geniert
sich fast ins Einzelne zu gehen. Aber wo sind wir Christen, ...
wenn wir uns den Ansprüchen Jesu stellen, wenn wir die Geschichte
der Bibel, der ganzen Bibel, also auch die Bibel des Juden Jesus,
das Alte Testament, lesen? ... Wo
kommen wir hin,** wenn wir die Bergpredigt ernst nehmen? Das Gleichnis
vom barmherzigen Samariter, vom verlorenen Sohn?
Denkt nur an die elende Gnadendebatte. Da ist einer nicht gnadenwürdig.
Und das will ein Generalbundesanwalt bestimmen. Ja,
wo kommen wir hin? Wenn wir statt unserer angeblichen Sicherheit
wirklich die ersten Schritte zur Abrüstung machen? Wenn wir
endlich begreifen, dass wir nicht ohne die Schöpfung Gottes,
die Natur aber ohne uns leben kann? Wenn wir unseren Reichtum
teilten, nach außen zu den verhungernden Völkern, mit
deren Armut wir noch glänzende Geschäfte machen, nach
innen mit dem Drittel unseres Volkes, das an unserem Reichtum
keinen Anteil hat? Wenn wir barmherzig
sein könnten und traurig, wo es Not tut und streng, wenn
es gilt, Gesetze zu schaffen und durchzusetzen, um Leben von Menschen
und Tieren und Pflanzen zu bewahren. Wenn es um den einfachen
Versuch ginge, die 10 Gebote einigermaßen zu halten. Wenn
Freiheit nicht zur Freiheit des Rasens auf den Autobahnen verkäme?
Wenn jene regierten, die wir mit der Regierung beauftragt haben
und nicht die Großindustrie oder die Banken? Wenn vor allem
im Umgang mit unserer Geschichte die Leiden der Opfer mehr interessierten
als die Motive, die die Täter entschuldigen könnten?
Ja, wo kommen wir hin? Das sind doch nicht irgendwelche Miesmacher
oder Querulanten, die solche Fragen stellen, sondern das sind
die Fragen, die uns das Wort Gottes stellt, damals in Laodicea
und heute in Bonn - Bad Godesberg.
"So setze nun
alles daran und kehre um." Ja, "kehre um", heißt
es hier. Es scheint sich also um
eine Kehrtwendung zu handeln, die 180 0 vertragen kann.
Jedenfalls eine Richtungsänderung. Ein Drehen am Hahn, der
das Wasser kalt oder warm machen kann. Aufstehen also und sagen,
was ist, hinschauen und nicht blind vorübergehen.
Der Verbrecher Hitler hat doch nur regieren können, weil
wir Alten -bis auf einige, viel zu wenige Ausnahmen- zu feige
waren. ... Und wir, wir Christen zuerst und zuletzt. ...
Haben wir eigentlich
schon einmal nachgedacht, wie abhängig
wir sind vom Reichtum der Reichen?
Wenn Axel Springer aus der Kirche austrat und plötzlich Millionen
Steuern fehlten? Wenn wir uns mit den Großen und Mächtigen
anlegen, die diese Kirche finanzieren?
Vielleicht
ist darum das Christ sein in der DDR so viel glaubwürdiger
als unser gutbürgerliches westliches Christ sein.
So - und nachdem
wir das alles bedacht haben, dürfen wir die letzten Verse
unseres Briefes lesen:
| "Siehe,
ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine
Stimme hört und die Tür auftut, werde ich zu ihm
hineingehen und das Mahl mit ihm halten und er mit mir. ...
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden
sagt." |
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Ich habe, ich brauche
dem nichts mehr hinzuzufügen. Viel wichtiger ist, was uns
jetzt gleich unter Brot und Wein gegeben wird. Amen.
(Predigt
in Bonn - Bad Godesberg am 16.11.1988)
* 1988 noch Bundeshauptstadt
** Als Ergänzung ein nettes Zitat und Wortspiel des Schweizers
H.A. Pestalozzi:
Wo kämen wir hin, wenn alle sagten "Wo kämen wir hin?"
und keiner ginge, um einmal zu sehen, wohin man käme, wenn
man ginge.
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