Die Gesundheitsreligion/
Sehnsucht nach ewigem Leben

(aus dem Buch "LebensLust" von Dr. Manfred Lütz mit dem Untertitel
"Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult" *


Das lesenswerte Buch offenbart uns wichtige Einsichten in die gegenwärtige Gesellschaft:

"Wenn heute überhaupt etwas auf dem Altar steht, angebetet und mit allerhand schweißtreibenden Sühneopfern bedacht wird, so ist es die Gesundheit. Unsere Vorfahren bauten Kathedralen, wir bauen Kliniken. Unsere Vorfahren machten Kniebeugen, wir machen Rumpfbeugen. Unsere Vorfahren retteten ihre Seele, wir retten unsere Figur. ... Keine Frage, wir haben eine neue Religion, die Gesundheitsreligion." [Ende des Klappentextes]
"Im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion erwartet man ewiges Leben und ewige Glückseligkeit nicht mehr von den Altreligionen, sondern von Medizin und Psychotherapie. Bei Nichterfüllung Klage.

Über Jesus Christus kann man in unserer Gesellschaft jeden albernen Scherz machen, doch bei der Gesundheit hört der Scherz auf. Wir erleben Ärzte als Halbgötter, den bruchlosen Übergang von der katholischen Prozessionstradition in die Chefarztvisite. Der Begriff "Sünde" kommt auf der Kanzel nicht mehr vor und erscheint nur noch im Zusammenhang mit Sahnetorte. Es gibt Menschen, die leben nur noch vorbeugend, um dann gesund zu sterben.

Das Ganze hat aber einen todernsten Hintergrund: Jeder Einzelne ficht einen erbitterten Kampf gegen den Tod und scheitert erbärmlich. Die Gesundheitsreligion kennt keine Tröstungen und übrigens auch keine Solidarität. Während die Hochreligionen immer auch einen sozialen Aspekt hatten, ist die Gesundheitsreligion radikal egoistisch. Der Gesundheitsgläubige interessiert sich nur für seine Laborwerte, seine Lebensqualität und seine Prognose."

Dr. Lütz fragt in seinem Buch: Wie will man den scheinbar so selbstverständlichen Begriff der Gesundheit definieren?

..."Eine [andere] Überlegung wurde von einem der großen Internisten in unserem Lande, Professor Rudolf Gross, in die Diskussion eingeführt. Die Praxis zeige, dass die Zahl der krankhaften Werte mit der Zahl der Untersuchungen zusammenhänge. Macht man bei jedem Menschen 5 Untersuchungen, sind vielleicht noch mehr als 95 % gesund. Bei 20 Untersuchungen sind es nur noch 36 % und bei 100 Untersuchungen ist mutmaßlich jeder Mensch krank. Da jeder krankhafte Wert weitere Kontrolluntersuchungen nach sich zieht, gibt es ab einem bestimmten Punkt keinen Halt mehr. Daraus folgt: Gesund ist, wer nicht ausreichend untersucht wurde.

Wenden wir uns auf der Suche nach Rat an das zuständige Amt, so gibt es zweifellos kein Amt, das für Gesundheit zuständiger ist als die Weltgesundheitsorganisation WHO. ... In einem glänzenden semantischen Coup ist es ihr gelungen, Gesundheit als "Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens" zu definieren.

...Versuchen wir es also schließlich und endlich bei der Basis. Mit anderen Worten: Was sagt der gute alte Hausarzt auf die Frage, was denn eigentlich "gesund" sei? Wer, wenn nicht er, muss es wissen? Gesund, so antwortete mir ein älterer, erfahrener Kollege, sei ein Mensch, der mit seinen Krankheiten einigermaßen glücklich leben könne. Das ist es!

Diese Definition wirkt zwar etwas glanzlos, aber sie ist seriös...

Auf diesem aussichtsreichen Weg werden wir am ehesten der Lebenslust auf die Spur kommen. Zweifellos wäre das auch der Weg des

Hippokrates


gewesen, des griechischen Urvaters der Medizin. Nicht die Krankheit, sondern der kranke Mensch stand für ihn im Vordergrund.
Der Hausarzt hätte sich bei seiner Definition übrigens getrost auch auf einen Geistestitanen der Neuzeit berufen können. Friedrich Nietzsche definierte: 'Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen .'

Und Aldous Huxley schrieb vor Jahrzehnten den prophetischen Satz: 'Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist.' "

Fit for fun

..."Die kollektive Bußfertigkeit der Gesundheitsgesellschaft zeigt sich neuerdings in den so genannten Städte-Marathons: Berlin-Marathon,  Köln-Marathon, New York-Marathon. Dabei entfaltet die Gesundheitsreligion ihre ganze universale, völkerverbindende und parteiübergreifende Wucht. Niemand kann sich dem entziehen. Wehe dem Bürgermeister, der sich erdreisten würde, dieses Ereignis nicht angemessen zu würdigen, am besten durch Mitlaufen. Sogar das Problem, dass bisweilen verfeindete Potentaten am gleichen Hochamt teilnehmen wollen, kennt der neue Kult. Als der deutsche Außenminister Joschka Fischer und der österreichische FPÖ-Vorsitzende Haider am New York-Marathon teilnahmen, löste sich das Problem, dass heute wirklich alle an solchen Veranstaltungen teilnehmen wollen, dadurch, dass wirklich alle teilnahmen. Auf diese Weise gab es so viele Teilnehmer, dass man sich ganz einfach nicht traf.
...Tausende von Gesundheitsgetriebenen rennen [im Gegensatz zum historischen Marathonläufer] völlig zwecklos kreuz und quer durch eine Stadt, um schließlich restlos erschöpft irgendwo anzukommen."

"Bei Fitness stellt man die Entbehrungen selbst her, bei Wellness erleidet man sie. Nun spielt bei Wellness ein Begriff eine größere Rolle, der bisher noch nicht auftauchte,...: Schönheit. Im Wellness-Center wird auch etwas für Ihre Schönheit getan. Denn Schönheit gilt als das sichtbare Zeichen von Gesundheit. ... Doch mit der Schönheit ist das so eine prekäre Sache. Was als schön gilt, ist Moden unterworfen. ... Wer im 19. Jahrhundert reich genug war, brauchte nicht mit seiner Hände Arbeit draußen sein Tagwerk zu verrichten. Ein gebräuntes Gesicht galt als Zeichen für das Angewiesensein auf niedere Arbeiten, folglich als hässlich. Das Schönheitsideal war die vornehme Blässe, die man durch Sonnenschirme zu erhalten pflegte, wenn man zur Promenade das Haus verließ. Heute ist gebräunte Haut ein Zeichen dafür, dass man sich einen langen und fernen Urlaub leisten kann. Heute ist folglich gebräunte Haut schön.
Manfred Lütz fragt weiter: "Wann ist der Mensch überhaupt schön?- Kinder sind anfangs häufig hässlich, fast immer süß, aber selten schön. Jugendliche haben meistens Pickel. So ab 18 ist man dann, wenn überhaupt, schön - bis 23, denn dann beginnt medizinisch bereits der Abbau überhand zu nehmen. Was die Haut betrifft, lässt sich das Problem zusammenfassen unter dem Thema Falten:Ab 30 werden die Falten verhindert, ab 40 verdeckt, ab 50 übersehen, ab 60 bedauert und ab 70 missmutig ertragen. Wäre Schönheit für die Lebenslust wirklich bedeutsam, dann wäre das Ergebnis erschütternd: Im Alter von 18 - 23 Jahren wäre im besten Fall von unbelasteter Schönheit auszugehen."

*Quellenangabe:
"LebensLust - Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult", Manfred Lütz, Pattloch - Verlag, München, 2002
 
Zur Person
Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenarzt und Theologe, Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses in Köln. Dozententätigkeit, Veröffentlichungen zu Grenzfragen von Medizin, Psychotherapie und Ethik.
Autor des Bestsellers: Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche, Pattloch Verlag, Augsburg 1999.

Auch ein Kommentar von Doris Ruch in der Rhein-Zeitung vom 12.7.2003  nahm sich des Themas "Schönheitswahn" an:

 

Kein Licht ohne Schatten

Zum 16. Geburtstag gibt's einen Schmollmund und hohe Wangenknochen, zum Abi den Traumbusen, und der erste Lohn wird in das Absaugen der lästigen Fettpölsterchen investiert - was sich wie eine zynische Zukunftsvision anhört, ist längst traurige Realität: Immer mehr und immer jüngere Frauen sind bereit, sich "unters Messer" zu legen, um ihr Idealgesicht, ihre Idealfigur, ihr Idealleben zu bekommen. Schönheit um jeden Preis - manche bezahlt gar mit ihrem Leben für diesen Traum.
Doch sind sie alle verrückt, unreif, oberflächlich, die Frauen, die scharenweise in die mehr oder weniger seriösen Kliniken der Schönheitschirurgen pilgern? Wer ist schon völlig mit sich zufrieden? Wer war es in der Pubertät? Gerade junge Menschen haben ständig etwas an sich auszusetzen, stecken sich phantastische Ziele, von denen sie in der Realität Lichtjahre entfernt sind. Sie suchen Anerkennung* und glauben, Schönheit sei der Schlüssel dazu. Wer schön ist, der ist auch glücklich - vielleicht ist das der am weitesten verbreitete Irrtum unserer Zeit.

Aber: Das Glück fällt nicht vom OP-Tisch. Und ein hübsches Gesicht macht noch keine "schöne" Frau. Vor allem aber gibt es die Eigenschaften, die einen zu einem wahrhaft wertvollen Menschen machen, nicht zu kaufen. Heute nicht und nicht in Zukunft. Wer ein "schönes Leben" leben will, der muss sich mit diesem Leben auseinandersetzen, muss es annehmen - mit Sonnen- und Schattenseiten. Neben Schönheit, Lebendigkeit und Gesundheit gibt es nun mal das Hässliche, Krankheit und den Tod. Doch gerade diese Schattenseiten haben wir in den letzten Jahrzehnten systematisch und kollektiv aus unserem Alltag gedrängt. Wenn wir ihnen vermitteln, dass das "Ideale" durchaus den ein oder anderen Schönheitsfehler haben darf, dann können unsere Kinder auch wieder mit dem Gesicht leben, das die Natur ihnen gegeben hat.

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In einer ansprechenden  Predigt ging auch der Limburger Bischof Franz Kamphaus auf das Thema "Fitness" ein.

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Copyright © Wolfgang Jakupka