1) Computer und Multimedia2) Beerdigungsmessdiener3) Gott spielt...
4) Er verrät uns nicht5) Happy Digits6) Schiberrner Schnäpscher
7) Teufel und Internet8) Das Schaf9) Die Glocke ruft
10) Der umzingelte Missionar11) Der Spendenskandal12) Glaubensinhalte vermitteln

Ich erzähle Ihnen Geschichten zum Schmunzeln.

 
1

 
Wussten Sie, dass schon die Römer den Computer kannten?
 
Nein, nicht so wie Sie denken. Die Technik gab es natürlich noch nicht. Aber der Begriff war bereits geboren.
computare   = rechnen
computator  = Rechner

computus     = Berechnung der Zeit, vor allem des Osterfestes
Das englische Wort "computer" ist also der lateinischen Sprache entlehnt!
Vorsicht Virus-Gefahr!
Auch der Virus war schon vor 2000 Jahren in Rom bekannt:
virus = a) Schleim, b) Gift, c) der salzige Geschmack des Seewassers

 

Multimedia und multimedial - alles schon da gewesen!
multi (subst)= viele 

Multiplikation = das Vervielfachen/Malnehmen,

Multimillionär = der vielfache Millionär

multikulturell   = viele Kulturen betreffend

...

medium (subst) = Mitte, auch: Öffentlichkeit

mediator  = der Mittler, Vermittler

Optionen
optio = freier Wille, freie Wahl

Der Begriff "Option" hat im Laufe der Zeit eine Bedeutungserweiterung erfahren. Man versteht darunter die Wahl einer bestimmten Staatsangehörigkeit und im Rechtswesen die Voranwartschaft auf den Erwerb oder die zukünftige Lieferung einer Sache. In neuester Zeit taucht das Wort häufig im Zusammenhang mit der Errichtung von Ganztagsschulen auf.

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2
 
Ein denkwürdiges Erlebnis im Leben des früheren Bundesministers 
Dr. Norbert Blüm
in dessen unverwechselbarer blumiger Sprache
Beerdigungsmessdiener
Von Beerdigungen verstehe ich etwas. Schließlich war ich vier Jahre Beerdigungsmessdiener. Das war eine heiß begehrte Position, denn es gab bei Vormittagsbeerdigungen schulfrei und - ob Vor-oder Nachmittagsdienst - fast immer ein Trinkgeld, wahrscheinlich pietätvoller als "Trauerhonorar" bezeichnet. Kein Wunder, dass ich meine Stelle gegen nachwachsende Messdienergenerationen und Konkurrenz aus wohl verstandenem Eigeninteresse zäh verteidigt und jeden fremden Anspruch auf Stellung und Trinkgeld zurückgeschlagen habe.
Ich könnte meine Stelle als Friedhofsmessdiener noch haben, hätte ich meiner Friedhofskarriere nicht selber mit einer übermütigen Dummheit das Bein gestellt.

Die Rollen im Beerdigungstrio waren fest verteilt.  Reinhold am Kreuz, Karl im Besitz des Weihrauchschiffchens, ich amtierender Weihrauchschwenker.

An jenem Tag unseligen Angedenkens kam ich auf den Einfall, die Explosionskraft des Schwarzpulvers, das wir den auf dem Feld verstreuten Patronen entnommen hatten, in einer neuen Mischung auszuprobieren, nämlich mit Weihrauch vermengt. Karl wusste nichts von der Sprengkraft dessen, was sich an diesem Tag in dem Weihrauchschiffchen zwischen seinen Händen befand. Ich hatte rechtzeitig durch frühzeitiges Eintreffen vor den Beerdigungsvorbereitungen für die geheim verlaufene Präparation des Weihrauches gesorgt. Der Ort und Zeitpunkt des Versuchstests waren also planerisch fest im Griff.

Kurz bevor der Priester die zu Herzen gehenden Worte sprach: "Mit himmlischem Wohlgeruch erfülle deine Seele" und dabei den würzigen Weihrauch aus dem dafür vorgesehenen Weihrauchfass schwenkend über und neben dem Sarg entweichen ließ, wurde der Weihrauch auf die glühende Kohle im geöffneten Weihrauchfass gestreut. Das war die Sekunde der Wahrheit. Wie geahnt, erhofft und befürchtet, gab es beim Zusammentreffen von Weihrauchpulver mit glühender Kohle eine ansehnliche Stichflamme. Das weiße Rosett des Pfarrers sah danach leicht verändert aus, die Stola etwas angesengt. Reinhold am Kopf des Grabes, das Kreuz haltend, lachte blöde und pietätlos laut auf, sodass er fast ins Grab gestolpert wäre. Karl, der Inhaber des Weihrauchschiffchens, aus dem die Sprengladung entnommen worden war, stand betroffen, hilf- und verständnislos in der Friedhofsgegend herum. Unser Musterschüler, heute selber Pfarrer, wusste keine naturwissenschaftliche Erklärung für diese neue Wirkungsweise des Weihrauches.

Die am Grabe versammelten trauernden Hinterbliebenen reagierten unterschiedlich; teils entsetzt stumm und sprachlos, teils unziemlich hysterisch und sicher auch einige deshalb verlegen, weil sie annahmen, Opa im Sarg habe sie doch bei ihren Erbschleichereien erwischt und auf diese originale non-verbale Art seinen Unmut zum Ausdruck gebracht.

Wie dem auch sei, nur einer behielt Haltung, das war ich. Doch leider hat mich dieser stoische Heroismus nicht vor der Entlassung gerettet. Nur wenige Meter vom Grab entfernt und nur einige Minuten nach der Beerdigung, die ansonsten glatt und herkömmlich würdig verlief, beschuldigte mich unangemessen und handgreiflich der Pfarrer des in der Liturgie nicht vorgesehenen Spektakels. Wie mir erst später klar wurde, hatte ein kleiner Fehler, ein unbedachtes Fehlverhalten im ansonsten perfekt geplanten Handlungsablauf mich verraten. Ich hatte beim Füllen des Weihrauchfasses dasselbe, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, sehr weit, zu weit von mir gehalten und damit ängstlich meine Erwartung des Knalleffektes verraten.

Was uns lehrt: Unterdrücke in brenzligen Situationen auch die kleinen Ängstlichkeiten!

Ende

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3

 
Gott spielt in meinem Leben keine Rolle.
(Er ist nur der Regisseur.)

4

 
 
Er verrät uns nicht
Letzten Sommer zur Obsternte hatte der Pfarrer oft ungebetene Gäste in seinem Garten. Die Kinder aus dem Dorf stiegen heimlich über den Zaun und klauten Äpfel und Birnen.-
Eines Tages hatte der Pfarrer eine Idee. Er stellte ein Schild hin, auf dem man lesen konnte: "Gott sieht alles."

Verblüfft fand er am nächsten Morgen sein Schild durch folgenden Satz ergänzt: "Aber er verrät uns nicht."

5

 
Happy Digits

Inwischen läuft im elektrotechnischen Bereich fast alles digital ab. Das analoge Fernsehen wird durch das Digitalfernsehen ersetzt und seit Anfang des Jahres 2003 ist die "digitale Signatur" der herkömmlichen Unterschrift gleichgestellt.

Karstadt, T-Online und andere hatten vor Jahren ein neues Bonus-Programm gestartet, das sie -dem Zeitgeist folgend- "Happy Digits" nannten. Statt Punkten sammelte man bei Karstadt jetzt Digits. Ein Digit hatte den Gegenwert von 1 Cent.

Das englische Wort "digit" hat zwei Bedeutungen:

1) "Finger" und zugleich "Zehe" (anatomisch)
2) Ziffer, Stelle

Das Bonus-Programm bezog sich natürlich wegen der Nutzungsmöglichkeit im EDV-Bereich auf die zweite Bedeutung.

Auch der Begriff "Digit" stammt ursprünglich wieder aus der lat. Sprache:

digitus = in der Anatomie der medizinische Ausdruck für "Finger", (auch "Zehe"),
digital = in der Medizin "mit dem Finger" - Digitalis ( Fingerhut) = Heilpflanze bei best.Herzerkrankungen
digital = im techn. Bereich: ziffernmäßige Darstellung; im EDV-Bereich: in Stufen erfolgend
signator = lat. "Untersiegler" (einer Urkunde, eines Briefes mit Siegellack in früheren Zeiten)

Es gibt sogar einen biblischen Bezugspunkt. Schon im Alten Testament (2. Mose 31, 18) lesen wir vom "Finger Gottes" (lat.:digito Dei).

Gemälde "Adam" (Ausschnitt) von Michelangelo

(Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle, Rom)

 

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6

 
Schiberrner Schnäpscher
(eine humorvolle Legende mit Lokalkolorit)

Wohl nur noch der älteren Generation ist der Spitzname "Schiberrner Schnäpscher" bekannt. So nennt man in der so genannten "Einrich - Metropole" Katzenelnbogen, aber auch in den anderen Dörfern dieser Region die Einwohner Schönborns. Wie es zu diesem Ausdruck kam, erzählt folgende Legende:
Vor fast einem Jahrhundert sollte ein Schönborner Bürger wegen eines Vergehens im Diezer Gefängnis einsitzen. Dem Mann mag es bei dem Gedanken an die lange Zeit bei Wasser und Brot nicht ganz wohl gewesen sein und daher fasste er den Beschluss, sich wenigstens mit etwas Schnaps zu versorgen. Einen gewaltigen Krug in der Hand tragend trat er seinen Weg zur damaligen Kreisstadt des Unterlahnkreises an, wo er sich zur vorgeschriebenen Stunde zu melden hatte. Den Gefängnisbeamten fiel gleich das mitgeführte Gepäckstück des neuen Insassen auf, weshalb sie ihn auf die Ungesetzlichkeit seines Vorhabens aufmerksam machten. "Ich honn merr jo noor e Schiberrner Schnäpsche mettgebroocht", war die Entschuldigung. Auf diese Antwort hin unterzog man den Inhalt des Krugs einer genaueren Kontrolle und stellte fest, dass das "Schiberrner Schnäpsche" 7 Schoppen, 2 Viertelchen und noch für 2 Kreuzer maß.

7

 
THE DEVIL SAYS:  "MOST OF MY WORK IS DONE ON THE NET THESE DAYS."Der Teufel sagt: "Den größten Teil meiner Arbeit erledige ich heuzutage über das Internet."


 
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8

 
Schäfchen-Spiel
Hunde-Spiel
Das Schaf

Es war einmal ein Schäfer, der in einer einsamen Gegend seine Schafe hütete. Plötzlich tauchte in einer großen Staubwolke ein nagelneuer Cherokee-Jeep auf und hielt direkt neben ihm. Der Fahrer des Jeeps, ein dynamischer Mann in Brioni-Anzug, Cerutti-Schuhen, Ray Ban-Sonnenbrille und einer YSL-Krawatte steigt aus und fragt ihn: "Wenn ich errate, wie viele Schafe Sie haben, bekomme ich dann eins?"
Der Schäfer schaut den Mann an, dann seine friedlich grasenden Schafe und sagt ruhig: "In Ordnung."

Der Mann parkt den Jeep, verbindet sein Notebook mit dem Handy, geht im Internet auf eine NASA-Seite, scannt die Gegend mit Hilfe seines GPS-Satellitennavigationssystems ein, öffnet eine Datenbank und 60 Excel-Tabellen mit einer Unmenge von Formeln und Daten. Schließlich druckt er einen 150-seitigen Bericht auf seinem Hightech-Mini-Drucker aus, dreht sich zu dem Schäfer um und sagt: "Sie haben exakt 1586 Schafe."

Der Schäfer sieht den Mann gelassen an und sagt dann ruhig: "Das ist richtig. Suchen Sie sich ein Schaf aus!" 

Nach mehreren wechselnden Entscheidungen greift sich der Mann ein Tier und lädt es in seinen Jeep.

Der Schäfer schaut ihm zu und sagt: "Wenn ich nun ihren Beruf errate, geben Sie mir dann das Tier zurück?"

Der Mann antwortet: "Klar, warum nicht?"

Der Schäfer sagt: "Sie sind ein Qualitätsmanager."

"Das ist richtig, woher wissen Sie das?", will der dynamische Mann wissen.

"Sehr einfach", sagt der Schäfer. "Erstens kommen Sie hierher, obwohl Sie niemand gerufen hat. Zweitens wollen Sie ein Schaf als Bezahlung dafür haben, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß. Und drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich hier mache, denn Sie haben sich meinen Hund ausgesucht."

Aus:  MBFJ (Hrsg.); Sport, Qualitätsentwicklung in der Schule. Mainz 2003, S. 94

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9

 
Die Glocke ruft  von Ulrike Piechota

Alles muss seine Ordnung haben, auch die Glocken des Kirchturms. Wo kämen wir hin, wollten sie läuten, wann und wie es ihnen passte. Würden sie zu oft oder zu laut läuten, müsste die Kirche zahllose Prozesse wegen Ruhestörung durchstehen. Würden sie überhaupt nicht oder zu leise läuten, könnten sich die Kirchensteuerzahler wegen Verschwendung von Kirchensteuern beschweren. Denn jedermann weiß, Glocken sind nicht gerade billig und müssen daher benutzt werden.
Um also Prozessen oder Beschwerden vorzubeugen, wurde in manchen Orten die Läuteordnung erfunden, an die sich der Küster, der die Glocken betreut, halten muss. Schwarz auf weiß kann er nachlesen, dass zu einer Abendandacht nur die drittgrößte Glocke geläutet werden darf, zu einer Morgenfeier die zweitgrößte, zu einem normalen Sonntagsgottesdienst zunächst die zweitkleinste, nach einigen Minuten zusätzlich die nächstgrößte. Zehn Minuten vor Gottesdienstbeginn darf dann die größte Glocke in das Geläut einstimmen.

Dass alle Glocken aufeinander abgestimmt sind, dürfte selbstverständlich sein. Ebenso, dass man sich im Zeitalter der Ökumene mit der katholischen Kirche über deren Glockentöne unterhält und einigt. Es soll ja keinen Missklang geben, sollten einmal "katholische" und "evangelische" Glocken zur gleichen Zeit läuten.

Kurz gesagt, die Läuteordnung ist nicht unwichtig und bisher hatten sich auch alle Küster in M. genau danach gerichtet.

Ein neuer Küster musste eingestellt werden, da der alte pensioniert wurde. Vielleicht lag es an den tonkünstlerischen Neigungen Franz Olaf Schuberts, vielleicht auch an seinem Namen. Franz Olaf Schubert jedenfalls hielt sich nicht an die Läuteordnung.

"Warum sollten zur Abendandacht nicht alle vier Glocken läuten?", fragte sich Franz Olaf und ein Geläute erfüllte den Ort, dass sich so mancher in seiner Abendruhe gestört fühlte.

"Zur Morgenandacht soll die zweitgrößte Glocke läuten?"

Franz Olaf schüttelte den Kopf. Morgens schliefen manche Menschen gern etwas länger. Also ließ der Küster nur die allerkleinste Glocke zu Wort kommen.

Am Sonntagmorgen läutete er nur ganz kurz die zweitkleinste Glocke, nachdem er sich eine Meinung über Pfarrer Schallers Predigten gebildet hatte. "Der Schaller", so sein Urteil, "predigt so schlecht, dass ich die Christen nicht guten Gewissens in die Kirche locken kann."

Predigte dagegen Pfarrer Schumann, riefen schon eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn alle Glocken die Christen herbei, damit sie die wahrscheinlich wieder einmal brillante Predigt nicht versäumten.

Gegen die vorgeschriebene Läuteordnung verstieß Franz Olaf auch bei jener Hochzeit, die er schon vor der Trauung als gescheitert erkannte. "Die beiden passen nicht zusammen", hatte er festgestellt und ließ daher nur die kleinste Glocke ein paar Minuten zum Traugottesdienst rufen. Als sich jedoch zwei junge Leute das Ja-Wort in der Kirche geben wollten, die nach seiner Meinung prächtig harmonierten, erfuhr die Gemeinde mit einem halbstündigen Geläut aller Glocken davon.

"So geht das nicht", stellte Pfarrer Schaller fest und fotokopierte dem Küster die Läuteordnung. Mit Rotstift unterstrich er die wichtigsten Läuteregeln.

Zum Ärger seiner Vorgesetzten legte Franz Olaf Schubert die Fotokopie achtlos beiseite und betätigte die Glocken weiterhin nach eigenem Ermessen.

Pfarrer Schumann bat den Küster nun zu einem Gespräch unter vier Augen ins Pfarrhaus und beschwor ihn die Läuteordnung einzuhalten.

"Warum?", fragte Franz Olaf. "Glocken sind doch keine Maschinen." Das gab Pfarrer Schumann zu.

"Außerdem", fuhr der Küster fort, "ist es doch eine wichtige Aufgabe der Glocken, die Gläubigen ganz individuell auf den Kirchgang einzustimmen. "

Pfarrer Schumann war, ohne überzeugende Gründe angeben zu können, anderer Meinung und legte dem Küster die Läuteordnung noch einmal dringend ans Herz. Wie vorauszusehen war, prallte dieses Ansinnen am Herzen des Küsters ab wie Wasser von einer Entenfeder. Nach wie vor war er bestrebt, die Gemeinde individuell mit Hilfe der Glocken auf das vorzubereiten, was sie in der Kirche erwartete.

So kam es wie es kommen musste: Der Verstoß gegen die Läuteordnung wurde Tagesordnungspunkt im Presbyterium. Über eine Stunde sprach man dort über die Glocken, die nun schon monatelang falsch geläutet wurden.

"Ordnung ist das halbe Leben!", rief ein Presbyter und schlug mit der Faust auf den Tisch.

"Jawohl!", stimmte ihm ein anderer zu. "Und die Läuteordnung ist die andere Hälfte."

Die Gemüter erhitzten sich, obwohl eigentlich alle der gleichen Meinung waren. Wieder ruhiger geworden, stellte man fest, dass man ansonsten mit der Arbeit des neuen Küsters hochzufrieden war. Er hielt die Kirche und den Kirchenvorplatz sauberer als alle bisherigen Küster. Er murrte nie, wenn ein Gemeindekreis länger als vereinbart das Gemeindehaus besetzte. Und äußerte einer der beiden Pfarrer einmal Sonderwünsche, wurden sie sofort erfüllt.

Warum nur konnte er die Läuteordnung nicht einhalten? Niemand konnte sich das erklären und so wurde beschlossen, Franz Olaf einen schriftlichen Verweis zu erteilen, dem die schwesterlich-brüderliche Mahnung angefügt wurde, die Läuteordnung künftig peinlich genau zu beachten.

Franz Olaf Schubert las zwar das Schreiben des Presbyteriums, richtete sich aber nicht danach. So ließ er, als der Superintendent eine Gastpredigt hielt, alle vier Glocken viel zu lange läuten. Der hohe Besuch musste schließlich gebührend geehrt werden.

Die Katholiken beschwerten sich diskret. Ihre Läuteordnung hatte für diesen Sonntag eher trauriges Geläut vorgesehen. Wenn nun die"evangelischen" Glocken zur gleichen Zeit ein Festgeläut demonstrierten, musste man beinahe denken, sie wollten sich in den Vordergrund drängen.

"Nichts liegt uns ferner", wehrte Pfarrer Schaller diesen Vorwurf ab. "Unser Küster will einfach nicht die Läuteordnung begreifen."

"Einem wird immer die Schuld zugeschoben", dachten dei Katholiken und sprachen die Hoffnung aus, solch ein Affront möge nicht mehr stattfinden.

Dass an dem Sonntag, als der Superintendent wieder in M. predigte, nur die allerkleinste Glocke wimmerte, war nicht dem seitdem etwas gespannten Verhältnis zur katholischen Kirche zuzuschreiben. Franz Olaf hatte vielmehr die so lautstark angekündigte erste Predigt des Superintendenten als recht aussagelos erkannt. Er fand es daher ungerechtfertigt, die Gemeinde zu einer wahrscheinlich ähnlich nichtssagenden Predigt mit Glockengebraus in die Kirche zu locken. Der Superintendent war mehr als gekränkt, dass ausgerechnet zu seiner Predigt ein solch unmissverständliches Armesünderläuten gerufen hatte. Daraufhin wurde die nicht eingehaltene Läuteordnung abermals im Prebyterium diskutiert.

Und wieder erhitzten sich die Gemüter, obwohl alle die gleiche Meinung vertraten. Ein zweiter schriftlicher Verweis erschien aussichtslos; deshalb beschloss das Presbyterium, das Landeskirchenamt um schwesterlich-brüderlichen Rat zu ersuchen. Einige Monate, die Glocken läuteten indessen weiter ohne Ordnung, gingen ins Land, ehe die Antwort eintraf. Das Landeskirchenamt empfahl dem Presbyterium, dem Küster einen schriftlichen Verweis zu erteilen.

"Das haben wir bereits getan", stellte Pfarrer Schumann in der Presbytersitzung fest, nachdem der Brief verlesen worden war. Weder er noch Pfarrer Schaller noch die Presbyter konnten ihre Enttäuschung über den landeskirchlichen Rat verbergen, der von einem untergeordneten Mitarbeiter unterschrieben war. Dabei gab es doch genug Juristen im Landeskirchenamt, die sich mit der Nichteinhaltung der Läuteordnung in M. hätten befassen können.

"Vielleicht", schlug eine Presbyterin vor, "vielleicht sollten wir an den Herrn Bischof persönlich schreiben." Sie hatte den Bischof einmal auf dem Kirchentag gesehen. Das große goldene Kreuz auf dem schwarzen Lutherrock hatte recht vertrauenserweckend gewirkt. Ein Bischof nahm sich der Nöte eines Presbyteriums sicher mit mehr Ernst an als ein Landeskirchenamt.

Der Brief wurde geschrieben. Umgehend ließ der Bischof antworten, das Presbyterium solle mit christlicher Nächstenliebe mit dem Küster sprechen. "Sicher ist Ihr Küster", so las Pfarrer Schaller aus dem Brief vor, "ein tüchtiger Mann, nur etwas tumb im Geist. Selig sind, die da geistig arm sind."

Geistig arm zeigte sich Franz Olaf jedoch nicht, als er zur nächsten Sitzung des Presbyteriums gerufen wurde. Im Gegenteil, er brillierte mit Läutevariationen, die sogar Pfarrer und Presbyterium ein Mitspracherecht für die ohne Ordnung geläuteten Glocken einräumte.

"Wenn Sie sich zum Beispiel", Franz Olaf wandte sich an die beiden Pfarrer, "besonders gut auf Ihre Predigt vorbereitet haben, sagen Sie es mir. Ich läute dann alle vier Glocken. Hatten Sie einmal keine Zeit zur Predigtvorbereitung, wird nur die kleinste Glocke geläutet."

Ein Presbyter murmelte, für die anderen unhörbar, dann würde die Gemeinde wohl nur noch die kleinste Glocke läuten hören können.

"Und Sie",  jetzt wandte Franz Olaf sich an die Presbyter, "könnten mir Bescheid geben, wenn die Kollekte am Sonntag besonders ertragreich war. Zum Dank läute ich zur Abendandacht am Mittwoch die große Glocke. War die Kollekte gering, läute ich nur die kleinste..."

"Das ist doch alles Unfug", unterbrach ihn Pfarrer Schaller.

"Außerdem nicht durchführbar." Pfarrer Schumann schüttelte den Kopf.

"Und es ist total gegen die Läuteordnung", ergänzten die Presbyter.

"Und wenn wir die Läuteordnung einfach neu schreiben?"

Für Franz Olaf Schubert war so ein Stück Papier kein großes Problem. Man konnte es gut durch ein anderes Stück Papier ersetzen, das der Gemeinde eine freie Gestaltung des Glockengeläuts zusicherte.

"Einverstanden", sagte Pfarrer Schumann zur Überraschung der Presbyter. "Wir stellen beim Landeskirchenamt den Antrag auf Änderung unserer Läuteordnung. Sind Sie willens, Herr Schubert, bis zur Änderung der Läuteordnung die alte Läuteordnung einzuhalten?"

Franz Olaf verneinte. Die jetzt noch existierende Läuteordnung konnte er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, da er sie als unweise erkannt hatte. Weise aber mussten seiner Meinung nach die akustischen Klänge sein, die durch die Lüfte vom Leben der Christen kündeten.

"Dann müssen wir sie vom Dienst suspendieren, bis wir eine neue Läuteordnung haben, die Sie mit Ihrem Gewissen vereinbaren können", teilte das Presbyterium nach einer langen, geheimen Sitzung dem Küster mit.

 Franz Olaf durfte weiter in der Küsterwohnung bleiben. Auch bekam er siebzig Prozent seines Gehalts. Die Küsterarbeiten durfte er natürlich nicht verrichten, da er ja sozusagen im Wartestand war.

So putzten freiwillige Gemeindeglieder für Gotteslohn die Kirche, hielten den Kirchenvorplatz sauber, öffneten und schlossen das Gemeindehaus, kochten Kaffee für den Frauenkreis und läuteten die Glocken - natürlich genau nach der Läuteordnung. Damit hatten die Glocken endlich, endlich wieder ihre Ordnung.

Sobald die neue Ordnung in Kraft tritt, darf Franz Olaf seine Arbeit wieder aufnehmen. Jetzt lebt er erst einmal ganz für seine tonkünstlerischen Neigungen. Er hat sich ein komplettes Musikstudio in der Küsterwohnung eingerichtet. Zeit hat er ja, denn von einer neuen Läuteordnung hat noch niemand etwas läuten hören.

 

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10

 
 
Ein christlicher Missionar sieht sich plötzlich von einem Rudel Löwen umzingelt. An ein Entkommen ist nicht mehr zu denken. Da fällt er auf die Knie, schließt die Augen und betet: "Oh Herr, verschone mich und gib mir ein Zeichen deines Geistes und deiner Gnade! Befiehl diesen Löwen sich wie echte Christen zu verhalten!" 
Als er wieder aufblickt, sitzen die Löwen im Kreis um ihn herum, haben die Pfoten gefaltet und beten laut: "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast."

11

Der Spendenskandal

 
 
© Johann Mayer

12

Glaubensinhalte vermitteln

 

 
© Thomas Plaßmann

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