Gedenke der vorigen Zeiten

5. Mose 32, 7

Dieser mahnende Satz stand früher über der Gedenktafel-Nische der Schönborner Kirche

 


Hinterbliebene

Wir alle sind Hinterbliebene. Erinnern Sie sich noch, als Sie zum ersten Mal einen Toten gesehen haben? Eine Erfahrung, die man nicht so leicht vergisst. Es geht uns nahe, wenn wir den eigenen Namen unter einer Todesanzeige in der Reihe der Hinterbliebenen lesen. Wir alle sind Hinterbliebene. Daran denken wir nicht gern. Wir sehen uns lieber anders. Wir beziehen uns nicht auf die, die waren, sondern auf die, die kommen werden. Wir bestimmen unseren Standort in der Geschichte nicht von den Toten her, sondern von den kommenden Generationen, denen wir den Weg bereiten. Die Toten in Ehren - uns geht's um die Lebenden, um das Leben vor dem Tod, nicht um das Leben nach dem Tod. 
Können wir so leicht über die Toten hinweg zur Tagesordnung übergehen? Können wir dem gegenwärtigen Leben Sinn zusprechen, wenn wir ihn den Toten versagen? Was wäre das für ein Sinn, der nur den jeweils Lebenden gegeben oder nur in der Zukunft zu finden ist, der nicht wirklich allen gilt, die je das Licht der Welt und ihre Dunkelheit erblickt haben!

Die kommenden Geschlechter in Ehren: Was ist mit den vergangenen? Gehören sie nicht zu uns? Wir selbst werden schon bald zu ihnen gehören! Was ist mit den fünfundsiebzig Milliarden Menschen, die bisher auf der Erde gelebt haben? Was ist mit den vielen, die spurlos verschwunden sind, deren Name in keinem Lexikon steht? Was ist mit denen, die vom Tod überfallen wurden, bevor sie bedacht hatten, was aus ihrem Leben hätte werden können? Was ist mit denen, die einfach >liquidiert< wurden, die für nichts und wieder nichts gestorben sind?

Kann das Glück der Enkel über das Leid der Väter und Mütter hinwegtrösten? Hier lassen uns die sozialen Botschaften mit ihren Verheißungen im Stich und erweisen sich gerade dadurch als unsozial. Was ist das für eine Gesellschaft, die auf dem Rücken der Toten ihr Glück genießen will! Ist das der verheißene Fortschritt an Menschlichkeit oder schreitet hier -im Vergessen der Toten- die Unmenschlichkeit fort? Schwindet mit dem Sinn für die Toten der Sinn für das Leben?

 

Bischof Franz Kamphaus (kath.), Limburg in "Lichtblicke"

Am Ende des Buches "Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach" schreibt die zweite Frau Johann Sebastian Bachs: 
"Doch bald wurde immer sichtbarer, dass das Ende nahte." Während die Familie um sein Sterbebett kniete, hat J.S. Bach gesagt: »Singt mir ein gutes Lied vom Tode, denn nun ist es Zeit dafür.«

"Ich [Anna Magdalena] zögerte einen Augenblick, welche Musik wir ihm, der so bald die himmlische hören sollte, als letzte auf dieser Erde darbringen sollten. Da gab mir Gott einen richtigen Gedanken und ich begann den Choral "Alle Menschen müssen sterben,... Die anderen fielen ein, wir waren vierstimmig beisammen. Während wir sangen, kam ein großer Friede über Sebastians Gesicht - ... An einem Dienstagabend ein Viertel nach acht am 28. Juli des Jahres 1750 schied er."

Alle Menschen müssen sterben,
alles Fleisch ist gleich wie Heu.
Was da lebet, muss verderben,
soll es anders werden neu.
Dieser Leib der muss verwesen,
wenn er anders soll genesen
zu der großen Herrlichkeit,
die den Frommen ist bereit'.

 

 


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Copyright © Wolfgang Jakupka