| Hinterbliebene Wir
alle sind Hinterbliebene. Erinnern Sie sich noch, als Sie zum ersten Mal einen
Toten gesehen haben? Eine Erfahrung, die man nicht so leicht vergisst. Es geht
uns nahe, wenn wir den eigenen Namen unter einer Todesanzeige in der Reihe der
Hinterbliebenen lesen. Wir alle sind Hinterbliebene. Daran denken wir nicht gern.
Wir sehen uns lieber anders. Wir beziehen uns nicht auf die, die waren, sondern
auf die, die kommen werden. Wir bestimmen unseren Standort in der Geschichte nicht
von den Toten her, sondern von den kommenden Generationen, denen wir den Weg bereiten.
Die Toten in Ehren - uns geht's um die Lebenden, um das Leben vor dem Tod, nicht
um das Leben nach dem Tod. Können
wir so leicht über die Toten hinweg zur Tagesordnung übergehen? Können
wir dem gegenwärtigen Leben Sinn zusprechen, wenn wir ihn den Toten versagen?
Was wäre das für ein Sinn, der nur den jeweils Lebenden gegeben oder
nur in der Zukunft zu finden ist, der nicht wirklich allen gilt, die je das Licht
der Welt und ihre Dunkelheit erblickt haben! Die
kommenden Geschlechter in Ehren: Was ist mit den vergangenen? Gehören sie
nicht zu uns? Wir selbst werden schon bald zu ihnen gehören! Was ist mit
den fünfundsiebzig Milliarden Menschen, die bisher auf der Erde gelebt haben?
Was ist mit den vielen, die spurlos verschwunden sind, deren Name in keinem Lexikon
steht? Was ist mit denen, die vom Tod überfallen wurden, bevor sie bedacht
hatten, was aus ihrem Leben hätte werden können? Was ist mit denen,
die einfach >liquidiert< wurden, die für nichts und wieder nichts gestorben
sind? Kann das Glück
der Enkel über das Leid der Väter und Mütter hinwegtrösten?
Hier lassen uns die sozialen Botschaften mit ihren Verheißungen im Stich
und erweisen sich gerade dadurch als unsozial. Was ist das für eine Gesellschaft,
die auf dem Rücken der Toten ihr Glück genießen will! Ist das
der verheißene Fortschritt an Menschlichkeit oder schreitet hier -im Vergessen
der Toten- die Unmenschlichkeit fort? Schwindet mit dem Sinn für die Toten
der Sinn für das Leben? Bischof
Franz Kamphaus (kath.), Limburg in "Lichtblicke" |