Ist Gott
oder
?

Liebe Christen (alt), bzw. Liebe Christinnen und Christen (neu),

auch die Kirche ist innovativ. Initiatorinnen und Iniatiatoren suchten Sponsorinnen und Sponsoren, die das Projekt "Bibel in gerechter Sprache" finanziell unterstützten.
Wie Sie vielleicht schon bei dieser Einleitung bemerkt haben, geht es um mehr "Gerechtigkeit " hinsichtlich der Geschlechter, kurz gesagt, die Bibel wurde im Sinne der Emanzipation feminisiert, um Frauen stärker anzusprechen als bisher. Luther habe interpretierend übersetzt und die Frauen oft unterschlagen. Die neue "Bibel in gerechter Sprache" erschien im Oktober 2006. 52 Bibelwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen hatten 5 Jahre daran gearbeitet, sprachliche Diskriminierungen zu beseitigen. Gott, Er bzw.Sie stehen teils gleichzeitig zur Verfügung. Der von Luther mit "Herr" übersetzte Gottesname Jahwe wird variiert. Es stehen oft mehrere Möglichkeiten nebeneinander und man kann sich das passende Wort aussuchen. Es handelt sich hierbei um eine vorläufige Übersetzung.

Ob nun mehr Frauen in die Kirche gehen? Denn generell ist ja zu beobachten, dass ohnehin mehr Frauen als Männer Gottesdienste besuchen.
Die Emanzipatorinnen und Emanzipatoren wollten das Patriarchat in ein Matriarchat umwandeln. Bei ihrem Vorhaben kamen sie zu der Frage: Ist Gott vielleicht eine "Sie" und kein HERR?
Angefangen hat ja alles mit der Emanzipationsbewegung und es gehört mittlerweile in Deutschland zum guten Ton bzw. zur korrekten Anrede, beide Geschlechter separat anzusprechen, wobei das weibliche Geschlecht höflicherweise an erster Stelle genannt wird:

Liebe Lehrerinnen und Lehrer,
Liebe Schülerinnen und Schüler,

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Liebe Sportlerinnen und Sportler,

Liebe Leserinnen und Leser,

Liebe Hörerinnen und Hörer,

etc.

In evangelischen wie in katholischen Kreisen hört und liest man zunehmend die Anrede "Liebe Christinnen und Christen", als ob es auf das Wort ankäme. Entscheidend ist das Verhalten, die Achtung der Menschen untereinander, nicht die Wortklauberei.
Schon vor mehr als einem Jahrzehnt forderte die Linguistin Luise F. Pusch die Feminisierung des Plurals. 99 Leserinnen und ein Leser seien in Deutschland 100 Leser. Sie vertrat die Auffassung, dass der Plural komplett weiblich werden müsse. 99 Leserinnen und ein Leser wären dann 100 Leserinnen. Das Wort "Leserinnen"
enthalte ja das Wort "Leser", was umgekehrt nicht der Fall sei.

Neben der Annahme, Gott sei eine "Sie" halten laut Umfragen viele Erwachsene und vor allem Jugendliche Gott für androgyn, also männliche und weibliche Merkmale in sich vereinigend. Danach wäre die Diskussion, ob "Er" oder "Sie" hinfällig und es bliebe nur noch die Möglichkeit der Neutralisierung des Wortes, nicht der Gott, nicht die Gott/Göttin, sondern das Gott.
Abschließend sei noch einmal eindringlich festgestellt, dass eine feminisierende Änderung im biblischen Sprachgebrauch nicht vonnöten war. Es gibt sicher wichtigere Probleme als dieses rein äußerliche Problem. Eine Liedstrophe aus Martin Luthers "Ein feste Burg ist unser Gott" empfiehlt uns, das "Wort" nicht zu verändern: Das Wort sie sollen lassen stahn.

Wie stimmungsvoll und emotionalisierend im Kontrast zu modernen Bibelübersetzungen und unserer immer nüchterner werdenden Welt klingt doch das Weihnachtsevangelium im Luther-Text, beginnend mit den Worten "Es begab sich aber zu der Zeit, ..."! Wie gefühlskalt würde es beispielsweise klingen, wenn man bei den Weihnachtsliedern überall das Wort "Krippe" durch "Futtertrog" ersetzte. Dann hieße es nicht mehr "Ich steh an deiner Krippe hier", sondern "Ich stehe hier an deinem Futtertrog".

P.S.:  Der Gießener Philosoph Odo Marquard hat bei einer Diskussion zum Thema "Bibel in gerechter Sprache" Kritik an dem innovativen Projekt geäußert und findet manche Formulierungen an der Grenze zum Lächerlichen. Wir würden in einer Beschleunigungswelt mit Innovationsüberlastung leben und Gottesdienste würden gemieden, weil das Alte nicht mehr zu finden sei.

 
Gott ist androgyn - Ein Interview von Dr. H.- A. Marsiske mit Prof. Dr. Hans - Georg Ziebertz, Würzburg